Vernissage der "Jugend in Freiburg"-Ausstellung

„Alle zwei Jahre“, so die Laudatorin Renate Obermaier am Abend der Vernissage, „gönne sich die Bürgerstiftung das Wagnis des fremden, des Außenblicks auf die eigene Stadt.“ Nele Gülck, die diesjährige Stipendiatin der Bürgerstiftung hat dieses ‚Fremdblicken’ sehr ernst genommen und Fotografien geschaffen, die jenseits von Touristikidyll und Schwarzwaldfolklore junges Leben in Freiburg portraitieren.
Dabei war die Hamburger Fotografin erst einmal gar nicht so glücklich über die Umstände, unter denen sie ihre Arbeit in Freiburg aufnahm. Es ist März, die Stadt liegt voller Schnee, es ist kalt und nirgendwo sind Jugendliche zu entdecken. Wer Freiburg kennt, weiß, dass das Leben auf der Straße vor allem im Sommer stattfindet, Freiburg eine regelrechte Sommerstadt ist. Wie aber das Leben mit der Kamera einfangen, wenn es sich verkrochen zu haben scheint?

In Jugendzentren und Vereinen wurde sie dann doch noch fündig und brachte junge Menschen vor die Kamera, die aus ganz unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen und Kulturkreisen stammen und vielleicht gerade weil sie nicht das typische Bild von Freiburg darstellen, diese Stadt ganz besonders gut repräsentieren. Alles wirkt ein bisschen karger, ein bisschen zurückgenommener und vielleicht ein bisschen ehrlicher. „Die Portraitsituationen, so Renate Obermaier, „sind unbedingt kuschelfrei. Die Fotografierten lächeln nicht, höchstens andeutungsweise, wie die junge Mutter mit kleinem Kind, deren Augen zu lächeln scheinen, trotz des gebrochenen Arms und ihrer großen Aufgabe. Die Leistung von Nele Guelck besteht darin, die Nichtvertrautheit zwischen Fotografin und Modell nicht zu leugnen. Die Distanz bleibt sichtbar, und darin bestehen gerade der Reiz und die Stärke dieser Portraits. Dieser Eindruck verdankt sich auch dem klugen künstlerischen Arrangement der jeweiligen Umgebung der fotografierten Jugendlichen. Auf einem Foto scheinen ein Huhn und ein Mädchen gegenseitig auf einander aufzupassen, aber was wäre diese Harmonie ohne den ländlichen Bretterzaun hinter den beiden? Warum gerade ich, scheint ein Junge mit Band-the-Bomb-T-Shirt zu fragen, doch die Lichterspots an der Decke geben Mut. Die Lichtreflexe auf einer Wand mit alten Fotos katapultieren einen anderen jungen Mann in ein vergangenes Jahrhundert, raus aus der Gegenwart. ‚Denken und Träumen sind eins’, scheint er sagen uns sagen zu wollen.“

Man muss es der Fotografin hoch anrechnen, sich nicht auf ein oberflächliches Abfotografieren von Gesichtern verlassen zu haben, sondern dass es ihr gelungen ist, die Würde, die Einzigartigkeit und das Geheimnis der Fotografierten zu bewahren, einen ganz spezifischen Ausdruck zum Vorschein zu bringen. Zurückhaltende, bisweilen verschlossene, ernsthafte Gesichter schauen einen an, eine wenig mehr auf sich selbst konzentriert als auf das Gegenüber, was Bilder von einer außergewöhnlichen Intensität geschaffen hat. Vieles ist hier zusammengetragen worden, was sich vor unseren Augen ereignet, ohne dass wir es so selbstverständlich wahrnehmen, wie es eigentlich angemessen wäre. Die junge Mutter, die ihrem Schicksal mit beeindruckender Stärke gegenüber steht, das selbstbewusst dreinschauende muslimische Mädchen, das gerne in Freiburg lebt, weil es hier ein Frauenbad gibt und sie sich also auch als Kopftuchträgerin sommerlichen Badefreuden hingeben kann. Schließlich der junge, asketisch wirkende Mann, der von einer Zukunft als Fotograf träumt.
Es sind kleine Geschichten, die hier in einem Augenblick erzählt werden, Geschichten von Zuhausesein, vom Aufbrechen wollen, von jugendlichem Stolz und ein wenig Ratlosigkeit. Es sind eben nicht die Geschichten von sommerlichen Grillabenden an Baggerseen, keine Fotos von Bauchnabelpiercings und tätowierten Unterschenkeln und schon allein deswegen lohnt es sich, immer wieder diesen fremden Blick auf die Stadt zuzulassen. Denn es sind durch Nele Gülck Bilder geschaffen worden, die eben doch ein klein wenig mehr zeigen, als ‚Jugend in Freiburg’, die von der besonderen Lebensphase zwischen Kind- und Erwachsensein, von einem jungen Leben in einer Stadt erzählen, in der man sich zuhause fühlt und aus der man trotzdem auch mal raus will.

Dem geübten Vernissage-Besucher bot sich daher auch erst einmal ein ungewohnter Anblick. Neben den Ausstellungsmachern und dem üblichen Publikum waren vor allem zahlreiche der fotografierten Jugendlichen erschienen, um ‚ihr’ Bild in Augenschein zu nehmen. Man ertappte sich also dabei, immer wieder ihre Gesichter zu studieren, ihr Foto zu suchen und die geheimnisvolle Nähe von Modell und Kunstwerk zu spüren, eine Nähe, die man sonst bei kaum einer anderen Ausstellung so präsentiert bekommt. Einige Male war man erstaunt, wie eindrucksvoll die Portraits von Nele Gülck tatsächlich geworden sind, hat sie es doch vermocht, in den Gesichter der jungen Frauen und Männern etwas sichtbar zu machen, worum man sie auf dem Nachhauseweg fast ein wenig beneidet haben mag. Einen unverdorbenen, wenn auch nicht naiven, Blick auf das eigene Leben, das Wissen um eine, wie Renate Obermaier treffend formulierte „brüchige Geborgenheit.“

Die Fotografien Nele Gülcks sind noch bis zum 14.11.2010 im Wentzingerhaus (Münsterplatz 30) von 10-17 Uhr zu sehen.

 

 


 

       
 

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